Chris Kuckelkorn über die Session 2023, Nachhaltigkeit & Tradition

Aktualisiert: 3. März

Das Interview führten wir am 14.2.2022. Auch wenn der Ukrainekonflikt uns sehr bedrückt, möchten wir einen positiven Ausblick auf die kommende Jubiläumssession geben.

Lieber Christoph Kuckelkorn, worauf können sich die Kölner*innen und alle Jeck*innen in der Session 2023 freuen?


Wir feiern nächstes Jahr 200 Jahre Festkomitee Kölner Karneval zusammen mit einigen Vereinen, die auch 200jähriges Jubiläum haben. Das kommende Jahr ist angefüllt mit über 100 Veranstaltungen, in denen wir nicht nur Karneval feiern - das machen wir in der Session. Wir wollen den Menschen den Karneval im Jubiläum während des ganzen Jahres mal anders nahebringen.

In Deutschland stellt der organisierte Karneval mit 2.8 Millionen eine echt große Gruppe der Bevölkerung dar. Im Süden Deutschlands heißt es anders, es fühlt sich auch anders an. Aber im Herzen sind wir alle Fasching, Karneval, Fastnacht und noch viel mehr!

Für uns ist im Jubiläumsjahr wichtig, dass wir endlich mal Zeit haben, Karnevalisten aus ganz Deutschland nach Köln einzuladen. Denn innerhalb der Session stehen wir alle unter Strom. Das ganze Jahr sollen viele verschiedene Events stattfinden, wo man gemeinsam singt und den Karneval vielleicht mal aus anderer Perspektive betrachtet. Alle Kultureinrichtungen in der Stadt machen mit: Die Oper, das Schauspielhaus, einige Museen etc…


Was wird spürbar und sichtbar anders sein beim 200-jährigen Jubiläum des Festkomitees?


Im Wallraff Richartz Museum wird es eine Ausstellung von Künstlern aus aller Welt geben, die in ihrer Schaffensperiode ein Karnevalsmotiv dargestellt haben. So eine Ausstellung hat es in dieser Form noch nie gegeben. Ein weiteres Highlight ist eine sechswöchige Ausstellung im Gürzenich vom Keller bis unters Dach, in der wir rund um das Thema „200 Jahre Kölner Karneval“ eine Erlebniswelt präsentieren werden. Es geht nicht darum, lediglich alte Sachen auszustellen, sondern den Menschen, die nach Köln kommen zu zeigen, wie ganzheitlich und differenziert der Karneval sein kann. Es gibt auch noch andere Ideen mit einzelnen Museen bezogen auf Karneval vor, während und nach dem Krieg. Wir sehen das Jubiläum als Chance, dem Karneval mehr Tiefe zu geben und ein Fundament zu schaffen, auf dem wir die nächsten Jahre bauen können.


Wo liegt in der Session 2023 der Fokus?


Das Festkomitee hat sich entschlossen, sich in der Session 2023 etwas zurückzuhalten. Wenn wir zu großen Events einladen würden, kannibalisiert das automatisch die Veranstaltung der Gesellschaften. Angedacht ist eine Jubiläumsgala, aber am meisten freuen wir uns nach 2 Jahren Abstinenz wieder einen kompletten Karneval feiern zu können. Wir hoffen, dass es ein befreiendes Fest wird. Zum Finale des Rosenmontags sind wir mit der neuen Idee angetreten, die beiden Rheinseiten miteinander zu verbinden. Der Zug geht erstmalig über die Deutzer Brücke Richtung Innenstadt.


Wird der Zugweg über die Rheinbrücke eine einmalige Aktion zum Jubiläum sein?


Als ehemaliger Zugleiter kann ich sagen, der Zug geht kein Jahr den gleichen Weg aufgrund der Baustellensituation in der Stadt. Mittlerweile sind die Menschen durch die Zülpicher Straße und durch andere Bereiche in der Altstadt an neue Sperrkonzepte gewöhnt. Mit der Akzeptanz dieser Konzepte kann die Stadt die Besuchermengen an engen Stellen besser regulieren. Das eröffnet die Möglichkeit, den Rosenmontagszug an der Severinstorburg enden zu lassen. Planerisch ist das alles sehr aufwändig und eine Mammutaufgabe.

Nichts ist also in Stein gemeißelt, aber derzeit ist der Zug über die Brücke als einmaliges Projekt geplant. Wir müssen natürlich schauen, wie es angenommen wird, wie die Menschen es fühlen. Ich persönlich glaube, was dem Ur Kölschen aus dem Herzen spricht, ist das Finale im Vrings Veedel. Der Triumphzug über die Severinsstrasse mit dem Ende an der Severinstorburg, da bekomme ich jetzt schon Gänsehaut, wenn drüber spreche.


Steht das Festkomitee 200 Jahre nach seiner Gründung vor anderen, umfangreicheren Aufgaben, als die anderen Jahre zuvor?


Im Blick von 1823 bis heute würde ich sagen: Nein - vor 200 Jahren wurde das Festkomitee gegründet, weil der Karneval ausuferte, bis hin zu Morden und Vergewaltigungen. Das Fest war nicht mehr beherrschbar, denn selbst die Stadtsoldaten haben mitgemacht. Die Patrizier Familien haben überlegt, wie man den Karneval wieder für die Gesellschaft lebbar machen könnte, denn Verbote blieben bis dato erfolglos. Wie die Kölner halt so sind… Da wurde die Idee geboren, eine romantische Ära durch den Held Carneval einzuläuten. Auch die Idee des Umzugs hat sich von hier über die ganze Welt verbreitet. Das alles sollte dem närrischen Treiben wieder eine Richtung geben. Gleichzeitig sind die vorbereitenden Gespräche für den Karnevalsumzug der Vorreiter für die heutige Sitzung gewesen. Denn bei all den anstrengenden Diskussionen, wurde der ein oder andere Witz erzählt und kölsche Lieder gesungen. Der Gedanke hinter dem Festkomitee war, gesellschaftliche Missstände zu regeln. Übertragen auf die heutige Zeit sind wir mit dem Blick auf das Kwartier Latäng wieder an einem ähnlichen Punkt. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir damit umgehen. Wie kann man jungen Menschen, die hier nach Köln kommen den Karneval so nahebringen, dass diese später als Botschafter für unsere Stadt in die Welt ziehen. Hier gibt es ein riesiges Potential, was auch aus der Perspektive des Tourismus zu beleuchten ist. Der Karneval als Magnet wird immer größer und zieht immer mehr Menschen an. Das sehe ich besonders für dieses Jahr mit Blick auf den Straßenkarneval sehr kritisch. Viele junge Leute verwechseln gerade den Begriff „Brauchtumszone“ mit einem Freibrief für das Feiern an den tollen Tagen.


Insofern stehen wir an der gleichen Stelle wie vor 200 Jahren. Wir sehen uns nicht als Veranstalter, sondern als ein organisiertes Netzwerk, das die Stadt und die Vereine aktiv unterstützt.


Gibt es eine Idee, die jungen Leute mehr für Tradition und Brauchtum zu begeistern – „Große Pause“ ist ein tolles Projekt, aber denkt man auch über die Jugendlichen auf der Zülpicher Straße im Festkomitee nach?


Bei den Kindern in unserer Stadt können über 60 % der Kinder mit unserem Brauchtumskarneval nichts anfangen. Für das Feiern in 30 Jahren muss sich der Karneval verändern bzw. öffnen und die Menschen müssen den Karneval auch verstehen lernen. Deswegen ist das Projekt „Pänz Große Pause“ an den Schulen sehr wichtig. Wir können diesen Wertetransport nutzen, um Toleranz im Miteinander zu schaffen, um dann gemeinsam feiern zu können. Karneval ist nicht zu unterschätzen als Brücke – das hat auch schon die Politik erkannt.


Der Jugendbereich ist etwas schwieriger. Bei einer Umfrage mit Boston Consulting und der Rheinischen Fachhochschule wurde diese Zielgruppe nach ihrem Verständnis für Karneval gefragt. Überrascht hat uns, dass sie unglaublich traditionsbewusst ist, aber sie findet in der Regel keinen Zugang zum organisierten Karneval. Dasselbe gilt auch für Touristen. Viele Veranstaltungen sind ausverkauft, die Kneipen zu oder man kommt nicht rein. Wir müssen uns mit diesem Hintergrundwissen Gedanken über alternative Veranstaltungsorte machen. Ich könnte mir gut ein karnevalistisches Open-Air-Festival vorstellen, wo wir der den Mix schaffen zwischen moderner Party in Form von Clubbing und karnevalistischen Elementen, um selbst neue Impulse zu setzen. Die neuen Konzepte sind Corona bedingt etwas liegen geblieben, aber ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren den jungen Leuten einiges zu bieten haben.


Der Karneval verändert sich, der mediale Einfluss ist nicht aufzuhalten. Wie schützt man das Brauchtum und die Tradition ohne sich neuen Wegen zu verschließen?


Der Karneval wandelt sich alleine dadurch, dass er vielfältiger wird von alternativ bis traditionell von laut bis leise. Jeder kann „seinen Karneval“ finden. Eins hat aber die Corona Situation ganz klar gezeigt: Das gemeinsame Live Erlebnis ist kompromisslos. Das kann das digitale Format nicht ersetzen.


Hat die Pandemie die Digitalisierung beschleunigt?


Im Bereich der digitalen Veranstaltungen bestimmt. Aber ich glaube, dass der Karneval im Saal oder in der Kneipe nicht digital zu ersetzen ist. Für Exil Kölner ist das natürlich eine gute Alternative, um am Geschehen aus weiter Ferne teilzunehmen.


Wie sehr beschäftigt sich das Festkomitee aktiv mit dem Thema Nachhaltigkeit im Karneval?


Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Das Festkomitee hat für sich selbst und für seine Partner und Lieferanten Grundregeln definiert, die eingehalten werden müssen. Es fängt mit dem Verbot von Kinderarbeit an und hört bei Umweltthemen auf. Im Bereich des Rosenmontagszuges machen wir uns wahnsinnig Gedanken. Ich selbst habe mich als Zugleiter mal mit der Idee für Bio-Dixi Klos beschäftigt. Leider war das Projekt in dieser Größenordnung nicht durchführbar. Da hat Hygiene die erste Priorität.


Beim Wurfmaterial haben wir das Thema zwischen Marke und Nachhaltigkeit. Die Fairtrade Schokolade ist meistens nicht regentauglich. Zum einen wird beim Wurfmaterial Nachhaltigkeit daran gemessen wie und wo es erzeugt wird. Zum anderen ist wichtig, ob das Wurfmaterial von den Zuschauern des Rosenmontagszugs angenommen bzw. aufgehoben wird. Hier wird es bei No-Name Produkten schwierig, denn alles was man wegwirft ist ganz klar nicht nachhaltig. Zusätzlich sind wir sind mit der Umwelthilfe auf einem guten Weg beim Thema Abgasanlagen für Traktoren und wir haben Hybrid Fahrzeuge in unserer Autoflotte. Nachhaltigkeit ist kein eigener Bereich im Festkomitee, er wird von den einzelnen Vorstandskollegen in ihrem jeweiligen Ressort betreut. Was uns zum Beispiel noch wichtig ist, dass die Ornate vom Dreigestirn in Köln hergestellt werden. Wir versuchen auch in verschiedenen Bereichen mit ansässigen sozialen Institutionen zusammen zu arbeiten. Das ist auch eine Art von Nachhaltigkeit.


Mit welchem Inhalt/Thema möchtest Du nach deiner aktiven Zeit als Präsident des Festkomitees den Menschen in Erinnerung bleiben?


Im Herzen bin ich immer noch Zugleiter, aber wichtig ist mir, dass man später sagt, dass das Festkomitee in meiner aktiven Zeit sich zu Gesamt-Interessenvertretung für alle Karnevalisten entwickelt hat. Mittlerweile können auch Künstler Mitglied werden, auch sind alternative Karnevalsveranstalter Fördermitglied bei uns. Wir sehen uns in der heutigen Zeit als Dachverband, sind modern und offen aufgestellt. Unsere Pressearbeit ist übergreifend und bietet strukturelle Unterstützung im Bereich Seminarwesen für Schatzmeister, Programmgestalter, Präsidenten etc. an. Durch unser Coaching schaffen wir ein hohes professionelles Niveau in den Karnevalsvereinen. Unsere 16 Mitarbeiter*innen in Vollzeit stehen für einen hohen Professionalisierungsgrad. Unser Ziel ist es, das erarbeitete Wissen im Ehrenamt zu bewahren und den Nachfolgern zur Verfügung stellen, ohne dass unser Know-how verloren geht.


Welche großen Ziele gibt es noch?


Wir sind die Träger des immateriellen Kulturerbes der Bundesrepublik Deutschland „Rheinischer Karneval“. Ein ganz wichtiger Status, der es jetzt schafft, eine Kulturförderung zu bekommen. Das hat es noch nie gegeben!

Der Weg zum immaterielleren Weltkulturerbe ist schon angestoßen ist. Wir schauen mal, wo die Reise hingeht…


Was ist dein Wunsch für Köln?


Ich wünsche mir für die Stadt Köln, dass Menschen ans Ruder kommen, die Visionen haben und auch den Rückhalt und die Kraft besitzen, diese Visionen umzusetzen. Dass der eingeforderte Weltstatus auch gelebt werden kann. Dass aktiv gestaltet und nicht nur verwaltet wird.






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